Tulpenform mit Kellerfalten

Das hört sich erstmal exquisit an, wenn man im Nähgenre nicht beheimatet ist. Und so geht es mir, die ich nun dank des Labels schnittchen.com meine ersten Kleidungsstücke nähe, ohne eine Expertin im Hintergrund, die mic durch das Labyrinth der Nähanleitungen führen muss. Eine burda-Anleitung setzt – egal, ob einfacher oder schwieriger Schnitt – immer schon ein gewisses Fachwissen voraus, das im Text nicht erklärt wird. So weit bin ich jedoch nicht – und bin dankbar, dass es auch Anleitungen gibt, bei denen man ganz klein beginnen darf.

Die Überschrift bezieht sich auf mein zweites Projekt nach meinem erfolgreich abgeschlossenen Projekt “Kleid”: mein erster Rock. Das Schnittmuster hatte ich in Sonntagsmorgenslaune herauskopiert, der Stoff war schnell ausgewählt, da mich sowohl die Mustervielfalt als auch das Material des Stoffes für mein Kleid überzeigt hatten.

Die besagten Kellerfalten im vorderen Teil (Bild unten links) machten mir zunächst etwas Sorgen, und ich hatte nach einem Knoten im Kopf irgendwann den Dreh raus. Zudem hatte ich lange keine Reißverschlüsse mehr eingenäht. Aber auch dies gelang recht gut.

Was am Ende wirklich nicht passte, war der Bund. Der gerade Streifen rund um meine Taille wollte sich nicht anschmiegen, sondern stand ab, so dass ich gezwungen war, die Seitennähte zu verlängern, um ihn etwas konisch zu formen.

Ich habe ihn bereits einmal getragen und fand ihn recht angenehm. Die beste Lösung wäre aus meiner Sicht ein leicht dehnbarer Bund (ohne Reißverschluss). Vielleicht beim nächsten Projekt …

Chronologie der Jacken – 2017

Einige Strickjacken habe ich im Laufe der Jahre angefertigt, aber noch keine hat es bislang auf meinen Blog geschafft (die Boleros haben sich erfolgreicher durchgesetzt).

Beginne ich bei meinem jüngsten Werk:
zu meinem Geburtstag wurde ich von der kreativen “Wohnwagen”-Freundin mit viel Wolle beschenkt – immer ein Experiment, ich suche gerne selbst aus, aber wie durch einen Zufall genau die Stärke und Lauflänge für ein lang anvisiertes Projekt der BRIGITTE 21/2012 (Blockstreifen-Jacke, Anleitung online), das ich dann umsetzte. Meine Ärgernisse mit neuen BRIGITTE-Anleitungen sind bekannt. Auch bei diesem Modell war die Mengenangabe ausgesprochen fantasievoll. Da nach Abschluss des Zusammennähens noch ein Kragen angestrickt und dieser umhäkelt wird, hatte ich die Befürchtung, dass die Wolle nicht ausreichen würde, und somit sind die Ärmel etwas kürzer ausgefallen als gewünscht (vielleicht sind sie dem Model auf dem Bild ebenfalls zu kurz, aber durch geschicktes Hochkrempeln beim Fotoshooting ist dies Spekulation …).
Ingesamt ist die Jacke wirklich schön geworden, ich wurde bereits von einigen Personen darauf angesprochen. Ein Minus gibt es für die kurzen Ärmel, den hohen Acryl-Anteil (50 % Wolle / 50 % Baumwolle fühlt sich besser an) und den doch recht engen Sitz.

Der Charme der 60er Jahre

Eine Folge davon, dass ich mich (erneut) im “Mad Men”-Fieber befinde, ist der Wunsch, wieder Kleider zu tragen, insbesondere in Mustern und Schnitten, die denen der 60er und 70er Jahre nahekommen.

Der neue Stoffladen meines Vertrauens hält zurzeit viele Retrostoffe bereit, und da ich mich vor kurzem dem Jerseystoff genähert habe, hatte ich nun Mut, es erneut zu probieren, um ein Kleid zu nähen. Für knappe 20 EUR erstand ich einen wunderschönen Jacquardstoff (100 % Baumwolle, jedoch stretchig wie Jersey).

Den Schnitt namens Jeannie bestellte ich bei “schnittchen.com”, ein Berliner Label mit Modellen, die besonders für NähanfängerInnen geeignet sind. Angenehm ist bei den Schnitten, dass man sie direkt aus dem Bogen herausschneiden kann, ohne sie zu übertragen und die Naht- und Saumzugaben bereits enthalten sind und nicht mehr hinzugerechnet werden müssen.
Im Nähblog von “schnittchen.com” zeigen Frauen ihre nachgenähten Modelle. Und so wurde ich erst aufmerksam, da der ausgewählte Stoff des Originals (silberglänzend!) verhinderte, dass ich mir den Schnitt des Kleides überhaupt ansah. Erst der Eintrag von Trine aus Dänemark zeigte mir, dass sich der Schnitt sehr gut für Retrostoffe eignet. Sie hat noch ein paar Änderungen vorgenommen, diese habe ich jedoch nicht übernommen und habe es ersteinmal nach der Schritt-für-Schritt-Anleitung versucht, die durch die Ergänzung von Zeichnungen (abrufbar über die Website) sehr gut war.
Trotz wenig Näherfahrung (was Kleidung betrifft), schaffte ich es ohne große Schwierigkeiten, das Vlies an den richtigen Stellen aufzubringen, den Rockschlitz zu nähen und Ober- und Unterteil mit der richtigen Wickeloptik aneinanderzunähen.

Durch den Stretchanteil des Stoffes konnte ich zum Glück auf einen Reißverschluss verzichten. Aufregend bis zur letzten Minute war, ob die anvisierte Größe passen würde, da ich mich laut der angegebenen Maßtabelle zwischen Größe 36 und 38 bewegte, das abgebildete Model mit meiner Körpergröße Größe 36 trug, was mir tendenziell eher zu eng/klein ist.

Da der erste Versuch nun so gut geklappt hat, und das Kleid sich bereits beim ersten Anziehen sehr gut anfühlte, erwäge ich, mir den Stoff noch in einem anderen Farbton zu kaufen …

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Kleine Philosophie der Macht

Ich wünsche für die Frauen keine Macht über Männer, aber die Macht über sich selbst
(MARY WOLLSTONECRAFT)

Zum Jahresende habe ich ein Buch gelesen, das bereits länger auf meiner (feministischen) Buchliste stand: “Kleine Philosophie der Macht – nur für Frauen” von der Philosophin und Autorin Rebekka Reinhard.

Es ist unterteilt in drei große Themenblöcke, angereichert mit praktischen Tipps am Ende eines jeden Kapitels. Ich habe es fast in einem Rutsch durchgelesen und gleich an eine liebe Freundin weiterverliehen, obwohl ich meine “Aufzeichnungen” noch nicht abgeschlossen hatte. Vielleicht auch gut, denn mir haben viele Passagen sehr zugesagt, so dass die Zitatfülle sehr dicht ist, und höchstwahrscheinlich noch dichter wäre, hätte ich das Buch noch in den Händen.

Frau Reinhard beginnt im ersten Teil ihres Buches mit dem Hauptproblem vieler Frauen, zu perfektionistisch sein zu wollen, was zu Ohnmacht, Neid, respektlosem Umgang mit der eigenen Lebenszeit und der Angst zu Scheitern führe.

Die moderne Frau wird nicht zur Perfektionistin, weil sie es (wirklich) will. Sie wird es aufgrund ihrer Außenlenkung. Weil sie von den anderen anerkannt werden will. Ist ihr Motiv nicht allzu verständlich? Braucht nicht jeder Mensch Anerkennung, egal welchen Geschlechts, welchen Alters, welcher Epoche?  […] Wenn man die “Ich muss”-Frau ‘liked‘, ihre übermenschlichen Leistungen mit “Super” quittiert, motiviert man sie ganz und gar nicht, den Schleuderprozess ihrer kleinen grauen Zellen abzustellen und ihre Gedanken in eine andere Richtung zu drehen. Man spornt sie vielmehr an, sich auch weiter konform zu verhalten, nicht auszuscheren und kontinuierlich vor sich hin zu ameisen. […] Hinter dem “Ich muss” verstecken sich unangenehme Gefühle, die mit den Erwartungen und de Situation anderer Leute zu tun haben. Schuldgefühle. Versagensangst. Stressangst. Angst, nicht mithalten zu können. Im Wettlauf um den Titel der besten Mitarbeiterin, der beliebtesten Kollegin, der empathischsten Ehefrau, der coolsten Mutter nur Platz zwei zu belegen. Und Neid. Neid? Jawohl. Neid auf die Männer, die weniger kämpfen müssen als wir. Und Neid auf die anderen Frauen. Besonders auf die, die irgendwie alles besser machen als wir. Irgendwie immer glücklicher sind. Der Neid ist ein Verwandter der Eifersucht und des Hasses. […] Je perfektionistischer die moderne Frau, desto außengelenkter. Begegnet die Außengelenkte einer Frau, die ihr perfekter erscheint als sie selbst, ‘muss’ sie sich verletzt, gekränkt fühlen. Was sie durch all ihr Denken und Tun zurückzudrängen versuchte, erfasst sie nun mit voller Wucht: Ohnmacht. Ohnmacht gegenüber denen, die ihr ihre Unzulänglichkeit spiegeln. Ohnmacht aber auch sich selbst, dem eigenen Leben gegenüber. Die Folge dieser demütigenden Erfahrung ist jedoch nicht, dass die Perfektionsarbeiterin alles stehen und liegen lässt und versucht, mächtig zu werden. Die Folge ist vielmehr, dass sie einen Zahn zulegt. Ihre grauen Zellen schleudern wie wild ihre Berechnungen, Bewertungen und Befürchtungen heraus, sie erledigt alles noch schneller, noch gleichzeitiger, noch selbst-beherrschter, noch perfekter. Und immer noch bleibt die echte Anerkennung aus. Obwohl sie nichts tut, als sich anzustrengen … bis irgendwann nicht mehr alles so “Super!” ist. (S. 39-41)

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