• Aus dem Leben,  Literatur

    Rückblick und Start ins neue Jahr

    Christie | Schwinn | Bleisch

    Mit Blick auf 2025 möchte ich euch – wie in jedem Jahr – gerne wieder eine Auswahl der Bücher vorstellen, die mir besonders gut gefallen und mich inspiriert haben.


    Sachbücher

    Florian Schwinn Die Klima-Kuh

    In meinem Bildungsurlaub 2024 hatte ich die Gelegenheit, einige Biohöfe im Speckgürtel Hamburgs zu besuchen. Eine Landwirtin empfahl den Podcast „Führerschein für Einkaufswagen“, den ich seit dieser Zeit mit Begeisterung höre und durch ihn auf das Werk von Florian Schwinn aufmerksam geworden bin.

    In Die Klima-Kuh geht Schwinn der weit verbreiteten Behauptung nach, Kühe seien „Klimakiller“, weil sie durch Verdauung Methan ausstoßen und damit zum Treibhauseffekt beitragen. Diese Vorstellung, so der Autor, sei zumindest irreführend oder falsch. Wiederkäuer-Methan ist Teil eines natürlichen Kreislaufs, der – im Unterschied zu fossilem Methan aus Öl- und Gasproduktion – nicht zu zusätzlicher Erwärmung führt, weil es sich innerhalb weniger Jahre abbaut. Schwinn argumentiert, dass das schlechte Image der Kuh als Klimasünder eher ein „Narrativ“ ist, das von politischen und medialen Debatten genährt wird. 

    Statt Kühe zu verteufeln, plädiert er dafür, ihre Rolle in Ökosystemen neu zu denken: In extensiver Weidehaltung können Rinder aktiv zu Artenvielfalt, Bodenfruchtbarkeit und Klimaschutz beitragen. Wenn sie draußen weiden, fördern sie Wachstumsprozesse von Graslandschaften, binden CO₂ im Boden und schaffen vielfältige Lebensräume – was ökologische Krisen adressiert, anstatt sie zu verschärfen. 

    Schwinn zeigt in Fallbeispielen und Recherchen vor Ort, wie traditionelle Weidewirtschaft im Gegensatz zu industrieller Stallhaltung positive Umweltwirkungen entfalten kann. Seine zentrale These ist, dass nicht die Kuh selbst, sondern die Art und Weise, wie wir Landwirtschaft organisieren, über schädlich oder nützlich entscheidet. Eine „Kuhwende“ im Sinne einer Agrarwende kann demnach Klima, Biodiversität und Kulturlandschaften stärken – wenn der Fokus von technologisch-intensiven Produktionsmodellen auf naturnahe, weideorientierte Systeme verlagert wird. 

    Insgesamt fordert Schwinn ein Umdenken im Diskurs: weg von pauschalen Schuldzuschreibungen und hin zu differenzierten Betrachtungen darüber, wie Tiere, Landwirtschaft und Umwelt nachhaltig zusammengedacht werden können.

    Barbara Bleisch Die Mitte des Lebens : eine Philosophie der besten Jahre

    Das Werk widmet sich einer Lebensphase, die – philosophisch betrachtet – erstaunlich selten im Mittelpunkt steht: den Jahren zwischen etwa 40 und 65. Während Kindheit, Jugend und hohes Alter kulturell stark verhandelt werden, bleibt die Mitte des Lebens oft unbeachtet – obwohl sich hier Fragen nach Erreichtem, Verpasstem, Entscheidungen und Endlichkeit bündeln.

    Bleisch versteht ihr Buch als Einladung an eine „Gemeinschaft der Suchenden“. In Anlehnung an Hannah Arendt geht es ihr nicht darum, Antworten zu liefern, sondern darum, die Ratlosigkeit als gemeinsame Ausgangslage ernst zu nehmen. Besonders überzeugend ist ihre Unterscheidung zwischen Reue (für eigenes Handeln) und Bedauern (für das, was einem widerfährt) sowie ihr Plädoyer, Entscheidungen als notwendige Bedingung eines eigenen Lebens zu begreifen – auch wenn sie später schmerzen können.

    Ein zentrales Motiv des Buches ist die Erfahrung von Leere trotz äußerer Erfolge. Bleisch kritisiert eine auf Zielerreichung fixierte, „telische“ Lebensweise und stellt ihr eine offenere, prozesshafte Haltung gegenüber: Erfüllung entsteht nicht erst am Ende, sondern im Tun selbst. Dazu gehört auch die Einsicht, dass das meiste Übung braucht – Zeit, Wiederholung, dauerhaftes Engagement. Während in der Jugend vieles von selbst auf einen zukommt, müssen Neuanfänge und erste Male in den mittleren Jahren zunehmend bewusst gesucht und initiiert werden.

    „Ein Leben, in dem wir nichts bedauerten, wäre also auch ein Leben, in dem wir keine Entscheidungen getroffen hätten. Das wäre allerdings auch ein Leben, das wir kaum als das unsere empfinden würden, sondern wohl eher eines, in dem wir nach der Vorstellung anderer oder nach dem Zufallsprinzip gelebt hätten.“ (Barbara Bleisch)

    Immer wieder fragt Bleisch, was wir heute anders sehen als früher. Lebenserfahrung bedeutet für sie nicht bloß Älterwerden, sondern die Bereitschaft, sich als veränderbar zu begreifen und Verantwortung für das eigene Werden zu übernehmen. In diesem Sinn steht das Buch nahe den Texten von Daniel Schreiber („Das Strickstück meines Lebens“).

    Mitte des Lebens ist kein Ratgeber, sondern ein ruhiger Denkraum. Ein Buch für Menschen, die spüren, dass vieles offen bleibt – und genau darin eine Möglichkeit liegt.

    „Lebendig sein ist wichtig. Alles andere ist Zeitverschwendung.“
    (A. L. Kennedy)


    Belletristik

    Die Werke von Daniel Schreiber habe ich mit sehr viel Freude gelesen und in meinem Sommer-Blogbeitrag bereits ausführlich darüber berichtet.

    Agatha Christie Autobiografie

    Analog zu den Poirot-Bänden, die ich vorletztes Jahr begonnen habe, chronologisch zu lesen, habe ich zudem die sehr unterhaltsam – und an vielen Stellen erstaunlich modern anmutende – Autobiografie von Agatha Christie gelesen. Im Januar jährte sich ihr Todestag zum fünfzigsten Mal.

    T.C. Boyle Blue Skies

    Blue Skies ist ein düster-komischer Familienroman vor dem Hintergrund einer sich rasant verändernden Welt durch den Klimawandel. Die Handlung spielt in einer nahen Zukunft der Vereinigten Staaten, in der extreme Umweltveränderungen den Alltag bestimmen: Überschwemmungen bedrohen Florida, während Kalifornien von Dürre, Hitze und Bränden geplagt wird. 

    Im Zentrum steht die Familie Cullen: Ottilie, eine etwas verwirrte Matriarchin; ihr Sohn Cooper, ein entomologisch interessierter Wissenschaftler, der sich der Erforschung des Insektensterbens widmet; und ihre Tochter Cat, die mit ihrem Verlobten in einem überfluteten Strandhaus in Florida lebt und als Influencerin Karriere machen möchte. Die Figuren sind in ihrem Verhalten überzeichnet und oft selbstbezogen, was ihre persönlichen Konflikte und Unzulänglichkeiten umso deutlicher hervortreten lässt. 

    Boyle verwebt die Familiendynamik mit der sich verschärfenden ökologischen Krise zu einer beißenden Satire auf die moderne Gesellschaft und ihre Tendenz, die eigenen Rolle in der globalen Zerstörung zu verdrängen. Im Lauf der Geschichte müssen die Figuren mit den physischen und psychischen Auswirkungen des Klimawandels umgehen, was die „normale“ Alltagsrealität zunehmend in Frage stellt. 

    An Blue Skies wirkt aus meiner Sicht vor allem die Nähe zur Gegenwart so beklemmend. Die Fiktion fühlt sich real an, weil die Grundgeschichte, in die alles eingebettet ist, stark an das Hier und Jetzt erinnert. Gerade dadurch entfaltet der Roman seine Wirkung: Das geschilderte Szenario erscheint nicht fern, sondern als eine Entwicklung, die in wenigen Jahrzehnten durchaus vorstellbar ist. In Interviews hat Boyle berichtet, dass ihn die verheerenden Waldbrände in Kalifornien, wo er selbst lebt, eindringlich mit der Bedrohlichkeit der menschengemachten Veränderungen unserer Erde konfrontiert haben. Aus dieser Erfahrung heraus ist Blue Skies entstanden.

  • Wolle

    Alte Augen

    Ein Indikator, dass die Augen schlechter werden, ist das Stricken mit schwarzer Wolle. Ich spreche von dem bislang nur kurz erwähnten Pullunder, der am Ende ein Pullover wurde. Selbst bei sommerlichem Sonnenlicht war es eine Herausforderung, mit schwarzer Wolle in Nadelstärke 3,5 zu stricken und dabei den Überblick zu behalten.

    Alles begann mit zwei Heften von RICO Design mit dem Titel Top Down Knitting Spezial. Band eins verschenkte ich, Band zwei behielt ich. Besonders angetan hatte es mir ein Pullunder-Modell: oversize und schlicht. Leider war im idee-Markt nicht das Originalgarn Essentials fine fine merino (26 M | 34 R) erhältlich, sondern nur das dickere Essentials merino (22 M | 28 R). Die Verkäuferin versicherte mir, das Projekt ließe sich auch mit dem vorhandenen Garn problemlos umsetzen, zudem sei es ausgesprochen pillingresistent, wie sie mir mit einer Strickprobe zeigte. Beides sollte sich als Irrtum erweisen.

    Die vier zusätzlich gekauften Knäuel reichten nicht aus; tatsächlich hätte ich mindestens noch einmal dieselbe Menge benötigt. Bei einem anderen Muster wäre das vielleicht weniger problematisch gewesen, doch Patentmuster sind bekanntlich wollhungrig. Hinzu kam, dass sich das Garn erstaunlich elastisch zeigte: bereits nach etwas zwei Dritteln Fertigstellung hatte sich das Kleidungsstück deutlich ausgehängt.

    Der klassischen sunk cost-Falle zum Trotz ribbelte ich alles wieder auf und entschied mich, einen Pullover aus dem anderen Heft zu stricken – für den ich das notwendige Garn bereits besaß. Eine Kollegin, der ich das erste Heft geschenkt hatte, hatte genau dieses Modell bereits erfolgreich umgesetzt und war insgesamt zufrieden. Allerdings berichtete sie von auffälligem Pilling nach den ersten Tragephasen.

    Auch bei diesem Projekt musste ich Knäuel nachkaufen, diesmal jedoch mit der Sicherheit, am Ende tatsächlich das gewünschte Ergebnis zu erhalten. Dann allerdings meldete sich ein anderes, bislang nur latent vorhandenes Problem: die Kurzsichtigkeit, die sich still und heimlich in Alterssichtigkeit hinübergeschlichen hatte. Bei unzureichendem Raumlicht begannen die schwarzen Maschen auf den Nadeln zu tanzen, und beim kurzen Blick in die Ferne schwebten schwarze Punkte vor meinen Augen. Unter diesen Umständen wurde das Arbeiten im Patentmuster zur Geduldsprobe, und ich war entsprechend erleichtert, als ich schließlich in gleichmäßige Glattrechts-Runden wechseln konnte.

    Den Pillingeffekt kann ich bestätigen. Bemerkenswert ist vor allem die enorme Elastizität des Garns – ich habe bislang noch kein Merinogarn verarbeitet, das sich derart verhält. Wenn man den Pullover in den Händen hält, hat man den Eindruck, als sei Viskose beigemischt.

  • Aus dem Leben

    2026

    Ein frohes neues Jahr euch allen!

    2025 hat mich 365 Tage lang ein Kalender mit demotivierenden Sprüchen begleitet. Auf dem Bild seht ihr meine persönlichen Favoriten.

    Im Büro wartet der neue Kalender für 2026 mit dem Motto „2026 wird ein Desaster“. Ich bin gespannt, was er dieses Jahr für mich bereithält.

  • Aus dem Leben,  Literatur,  Wolle

    Sommerfreuden 2025

    Heute ist der 21. September 2025. Der Sommer neigt sich dem Ende. Der dänische Nordseeurlaub war wieder einmal entspannend und erholsam. Die Tage am Meer boten viel Gelegenheit für ruhige Beschäftigungen. In einer hellen Unterkunft mit viel Tageslicht war genug Raum für Bücher, Puzzle und Strickzeug.

    Die farbenfrohen Puzzles von Elena Essex machen gute Laune und gehen leicht von der Hand, so dass es diesmal tatsächlich 6.000 Teile waren, die ich zusammengebaut habe. Vor dem Urlaub gab es vom Liebsten zur Abwechslung einen Baukasten von LEGO. Der weiße Hai wird 50 in diesem Jahr und präsentiert sich nun formschön beim Angriff der Orca auf unserem Esszimmerregal.


    Garten

    Aus meiner kleinen Kräuterkrise ist inzwischen eine wahre Gartenfreude geworden.

    Verglichen mit der üppigen Pracht, die sich über den Sommer auf meinen Beeten entfaltet hat, wirken die Pflanzen aus meinem letzten Blogbeitrag fast zwergenhaft. Kurz vor unserer Abfahrt habe ich drei Basilikumpflanzen von der Fensterbank ins Hochbeet zu ihren „Schwestern“ gesetzt – dort sind sie regelrecht aufgeblüht. Der Pflücksalat lieferte unermüdlich frische Blätter und wuchs über die Beetgrenzen hinaus. Und die Petersilie? Die wächst in einer solchen Fülle, dass ich mich fast damit auf den Markt stellen könnte. Spätestens Ende September, wenn die Temperaturen sinken, werde ich mich wohl mit dem Thema Einfrieren befassen müssen.


    Bücher

    Passend zu meinem Gartenthema las ich „Der große Garten“ von Lola Randl – ein unterhaltsames und zugleich kluges Buch über eine Großstädterin, die mit zwei Kindern, zwei Männern und einem wachsenden Garten ein eher unkonventionelles Leben auf dem Land führt. Zwischen Alltagsreflexion und Selbstironie entsteht ein leiser Kommentar zur Frage, wie man leben will – und wie schwer es ist, dabei die eigenen Ansprüche und Widersprüche in Einklang zu bringen.

    Vor einiger Zeit hatte ich „Nüchtern“ von Daniel Schreiber gelesen, das mich durch Inhalt und Stil sehr beeindruckt hat. Im Urlaub las ich daher drei weitere seiner Werke: Allein, Zuhause und Die Zeit der Verluste. Alle kreisen um existentielle Fragen – nach Zugehörigkeit, Bindung, Selbstbild und der Suche nach einem Ort im Leben.

    In „Allein“ widmet er sich der gesellschaftlich wenig beleuchteten Lebensrealität allein lebender Menschen. Freundschaften gelten dabei als wichtige emotionale Anker, sind aber – anders als familiäre Bindungen – freiwillig und oft brüchig. Schreiber entlarvt die kulturelle Fantasie vom gleichklanghaften Freundeskreis und plädiert für eine realistischere Sichtweise: Freundschaften halten nur dann Wandel und Zeit stand, wenn sie Anerkennung von Unterschiedlichkeit und nicht bloß narzisstische Spiegelung bieten.

    „Der Schmerz der Einsamkeit liegt im Zusammenbruch dieser Fantasie begründet, im Scheitern der Fiktion, dass wir nicht allein auf dieser Welt sind.“

    Das Thema Einsamkeit bleibt bei Schreiber nie individuell verhaftet – es ist gesellschaftlich. Die Isolation vieler während der Pandemie hat deutlich gemacht, wie schmal der Grat zwischen funktionierender Alltagsstruktur und seelischem Rückzug ist. Dabei betont er: Niemand kann der Einsamkeit entkommen, sie ist Teil unserer Existenz – vielleicht sogar Voraussetzung für tiefergehende Begegnungen.

    In „Zuhause“ denkt Schreiber weiter – über Herkunft, Verlust und die Sehnsucht nach einem Ort, an dem man wirklich sein kann. Er spürt den Brüchen nach, die entstehen, wenn die idealisierte Vorstellung vom Zuhause mit der Realität kollidiert. In seinem persönlichen Erleben ist das Aufwachsen in der ostdeutschen Provinz ebenso prägend wie belastend, das Leben in Berlin zunehmend fremd geworden, New York ein Ort der kurzzeitigen Freiheit.

    „Für viele von uns ist es der schwierigste Ort, an dem wir die meisten Konflikte austragen – der Ort, an dem wir uns am allerfremdesten fühlen.“

    Schreiber zeigt, wie schwer es ist, sich von den eingeprägten Fantasien eines linearen, erfüllten Lebenswegs zu verabschieden: vom Familienmodell, von Paarbeziehungen als zentralem Sinnangebot, vom „richtigen Ort“. Gerade die Vorstellung, das eigene Unbehagen liege am Wohnort, ist für ihn trügerisch – oft liegt es in uns selbst. Es ist daher kein Zeichen des Scheiterns, kein Zuhause gefunden zu haben, sondern Ausdruck eines Prozesses, in dem wir immer wieder neu fragen müssen, was dieses „Zuhause“ überhaupt für uns bedeutet.

    „Es ist ein beängstigender, aber auch heilsamer Gedanke, dass es so etwas wie ein ideales Zuhause nicht gibt, nicht geben kann.“


    Wolle

    Ich suchte mal wieder die Herausforderung und bestellte mir Tynn Merinoull von Sandnes – für den Musterpullover Hindergenser (zu Deutsch: Hindernisse). Der Name ist Programm: der Einstieg in die Anleitung ist nicht ohne, aber sobald die Zunahmen geschafft sind hat und man sich ganz auf das Muster konzentrieren kann, geht es (wenn auch langsam mit Nadelstärke 3) gut von der Hand.