• Wolle

    Hindernisse gemeistert

    Pullover „Hindergenser“ | Sandnes Garn | Design: Mette Harbo

    An diesem Pullover habe ich lange gestrickt.

    Im Sommerurlaub begann ich mein mehrfarbiges Werk, und war mir – wie so oft – unsicher wegen der Maschenprobe: Durch den Farbwechsel wirkte das Maschenbild etwas enger, obwohl die Probe stimmte.

    In regelmäßigen Abständen maß ich nach, kam stets auf die korrekte Maschenzahl, und dennoch wirkte der Pullover recht schmal für einen Männerpullover.

    Hinzu kam, dass das Stricken mit Nadelstärke 3 und 2,5 naturgemäß sehr langwierig ist – was die gefühlte Dauer des Projekts noch verstärkte.

    Ich redete mir gut zu, dass das Strickstück durch das spätere Waschen noch an Länge und Breite gewinnen und sich das Maschenbild glätten würde.

    Die Abnahmen an den Ärmeln waren etwas knifflig, sodass ich den ersten Ärmel noch einmal auftrennen musste.

    In der Anleitung war angegeben, alle zwei Zentimeter eine Abnahme durchzuführen. Da dies jedoch nur in den einfarbigen Partien möglich war, um den Musterblock nicht zu unterbrechen, zählte ich beim zweiten Versuch drei Abnahmen pro einfarbigem Streifen.

    Den einfarbigen Abschnitt strickte ich sowohl am Rumpf als auch bei den Ärmeln einige Zentimeter länger.

    Frisch gewaschen und geblockt erreichte der Pullover schließlich genau die Maße, die ich mir erhofft hatte. Durch das italienische Abketten, das ich seit einiger Zeit verwende, erhalten die Abschlüsse eine elegante Note und eine schöne Elastizität.

    Der Liebste, der erst auf den letzten Metern ahnte, dass er der unverhofft Beschenkte ist, freute sich sehr und äußerte sich begeistert über den hohen Tragekomfort und die Weichheit der Wolle.

  • Aus dem Leben,  Literatur

    Rückblick und Start ins neue Jahr

    Christie | Schwinn | Bleisch

    Mit Blick auf 2025 möchte ich euch – wie in jedem Jahr – gerne wieder eine Auswahl der Bücher vorstellen, die mir besonders gut gefallen und mich inspiriert haben.


    Sachbücher

    Florian Schwinn Die Klima-Kuh

    In meinem Bildungsurlaub 2024 hatte ich die Gelegenheit, einige Biohöfe im Speckgürtel Hamburgs zu besuchen. Eine Landwirtin empfahl den Podcast „Führerschein für Einkaufswagen“, den ich seit dieser Zeit mit Begeisterung höre und durch ihn auf das Werk von Florian Schwinn aufmerksam geworden bin.

    In Die Klima-Kuh geht Schwinn der weit verbreiteten Behauptung nach, Kühe seien „Klimakiller“, weil sie durch Verdauung Methan ausstoßen und damit zum Treibhauseffekt beitragen. Diese Vorstellung, so der Autor, sei zumindest irreführend oder falsch. Wiederkäuer-Methan ist Teil eines natürlichen Kreislaufs, der – im Unterschied zu fossilem Methan aus Öl- und Gasproduktion – nicht zu zusätzlicher Erwärmung führt, weil es sich innerhalb weniger Jahre abbaut. Schwinn argumentiert, dass das schlechte Image der Kuh als Klimasünder eher ein „Narrativ“ ist, das von politischen und medialen Debatten genährt wird. 

    Statt Kühe zu verteufeln, plädiert er dafür, ihre Rolle in Ökosystemen neu zu denken: In extensiver Weidehaltung können Rinder aktiv zu Artenvielfalt, Bodenfruchtbarkeit und Klimaschutz beitragen. Wenn sie draußen weiden, fördern sie Wachstumsprozesse von Graslandschaften, binden CO₂ im Boden und schaffen vielfältige Lebensräume – was ökologische Krisen adressiert, anstatt sie zu verschärfen. 

    Schwinn zeigt in Fallbeispielen und Recherchen vor Ort, wie traditionelle Weidewirtschaft im Gegensatz zu industrieller Stallhaltung positive Umweltwirkungen entfalten kann. Seine zentrale These ist, dass nicht die Kuh selbst, sondern die Art und Weise, wie wir Landwirtschaft organisieren, über schädlich oder nützlich entscheidet. Eine „Kuhwende“ im Sinne einer Agrarwende kann demnach Klima, Biodiversität und Kulturlandschaften stärken – wenn der Fokus von technologisch-intensiven Produktionsmodellen auf naturnahe, weideorientierte Systeme verlagert wird. 

    Insgesamt fordert Schwinn ein Umdenken im Diskurs: weg von pauschalen Schuldzuschreibungen und hin zu differenzierten Betrachtungen darüber, wie Tiere, Landwirtschaft und Umwelt nachhaltig zusammengedacht werden können.

    Barbara Bleisch Die Mitte des Lebens : eine Philosophie der besten Jahre

    Das Werk widmet sich einer Lebensphase, die – philosophisch betrachtet – erstaunlich selten im Mittelpunkt steht: den Jahren zwischen etwa 40 und 65. Während Kindheit, Jugend und hohes Alter kulturell stark verhandelt werden, bleibt die Mitte des Lebens oft unbeachtet – obwohl sich hier Fragen nach Erreichtem, Verpasstem, Entscheidungen und Endlichkeit bündeln.

    Bleisch versteht ihr Buch als Einladung an eine „Gemeinschaft der Suchenden“. In Anlehnung an Hannah Arendt geht es ihr nicht darum, Antworten zu liefern, sondern darum, die Ratlosigkeit als gemeinsame Ausgangslage ernst zu nehmen. Besonders überzeugend ist ihre Unterscheidung zwischen Reue (für eigenes Handeln) und Bedauern (für das, was einem widerfährt) sowie ihr Plädoyer, Entscheidungen als notwendige Bedingung eines eigenen Lebens zu begreifen – auch wenn sie später schmerzen können.

    Ein zentrales Motiv des Buches ist die Erfahrung von Leere trotz äußerer Erfolge. Bleisch kritisiert eine auf Zielerreichung fixierte, „telische“ Lebensweise und stellt ihr eine offenere, prozesshafte Haltung gegenüber: Erfüllung entsteht nicht erst am Ende, sondern im Tun selbst. Dazu gehört auch die Einsicht, dass das meiste Übung braucht – Zeit, Wiederholung, dauerhaftes Engagement. Während in der Jugend vieles von selbst auf einen zukommt, müssen Neuanfänge und erste Male in den mittleren Jahren zunehmend bewusst gesucht und initiiert werden.

    „Ein Leben, in dem wir nichts bedauerten, wäre also auch ein Leben, in dem wir keine Entscheidungen getroffen hätten. Das wäre allerdings auch ein Leben, das wir kaum als das unsere empfinden würden, sondern wohl eher eines, in dem wir nach der Vorstellung anderer oder nach dem Zufallsprinzip gelebt hätten.“ (Barbara Bleisch)

    Immer wieder fragt Bleisch, was wir heute anders sehen als früher. Lebenserfahrung bedeutet für sie nicht bloß Älterwerden, sondern die Bereitschaft, sich als veränderbar zu begreifen und Verantwortung für das eigene Werden zu übernehmen. In diesem Sinn steht das Buch nahe den Texten von Daniel Schreiber („Das Strickstück meines Lebens“).

    Mitte des Lebens ist kein Ratgeber, sondern ein ruhiger Denkraum. Ein Buch für Menschen, die spüren, dass vieles offen bleibt – und genau darin eine Möglichkeit liegt.

    „Lebendig sein ist wichtig. Alles andere ist Zeitverschwendung.“
    (A. L. Kennedy)


    Belletristik

    Die Werke von Daniel Schreiber habe ich mit sehr viel Freude gelesen und in meinem Sommer-Blogbeitrag bereits ausführlich darüber berichtet.

    Agatha Christie Autobiografie

    Analog zu den Poirot-Bänden, die ich vorletztes Jahr begonnen habe, chronologisch zu lesen, habe ich zudem die sehr unterhaltsam – und an vielen Stellen erstaunlich modern anmutende – Autobiografie von Agatha Christie gelesen. Im Januar jährte sich ihr Todestag zum fünfzigsten Mal.

    T.C. Boyle Blue Skies

    Blue Skies ist ein düster-komischer Familienroman vor dem Hintergrund einer sich rasant verändernden Welt durch den Klimawandel. Die Handlung spielt in einer nahen Zukunft der Vereinigten Staaten, in der extreme Umweltveränderungen den Alltag bestimmen: Überschwemmungen bedrohen Florida, während Kalifornien von Dürre, Hitze und Bränden geplagt wird. 

    Im Zentrum steht die Familie Cullen: Ottilie, eine etwas verwirrte Matriarchin; ihr Sohn Cooper, ein entomologisch interessierter Wissenschaftler, der sich der Erforschung des Insektensterbens widmet; und ihre Tochter Cat, die mit ihrem Verlobten in einem überfluteten Strandhaus in Florida lebt und als Influencerin Karriere machen möchte. Die Figuren sind in ihrem Verhalten überzeichnet und oft selbstbezogen, was ihre persönlichen Konflikte und Unzulänglichkeiten umso deutlicher hervortreten lässt. 

    Boyle verwebt die Familiendynamik mit der sich verschärfenden ökologischen Krise zu einer beißenden Satire auf die moderne Gesellschaft und ihre Tendenz, die eigenen Rolle in der globalen Zerstörung zu verdrängen. Im Lauf der Geschichte müssen die Figuren mit den physischen und psychischen Auswirkungen des Klimawandels umgehen, was die „normale“ Alltagsrealität zunehmend in Frage stellt. 

    An Blue Skies wirkt aus meiner Sicht vor allem die Nähe zur Gegenwart so beklemmend. Die Fiktion fühlt sich real an, weil die Grundgeschichte, in die alles eingebettet ist, stark an das Hier und Jetzt erinnert. Gerade dadurch entfaltet der Roman seine Wirkung: Das geschilderte Szenario erscheint nicht fern, sondern als eine Entwicklung, die in wenigen Jahrzehnten durchaus vorstellbar ist. In Interviews hat Boyle berichtet, dass ihn die verheerenden Waldbrände in Kalifornien, wo er selbst lebt, eindringlich mit der Bedrohlichkeit der menschengemachten Veränderungen unserer Erde konfrontiert haben. Aus dieser Erfahrung heraus ist Blue Skies entstanden.

  • Wolle

    Alte Augen

    Ein Indikator, dass die Augen schlechter werden, ist das Stricken mit schwarzer Wolle. Ich spreche von dem bislang nur kurz erwähnten Pullunder, der am Ende ein Pullover wurde. Selbst bei sommerlichem Sonnenlicht war es eine Herausforderung, mit schwarzer Wolle in Nadelstärke 3,5 zu stricken und dabei den Überblick zu behalten.

    Alles begann mit zwei Heften von RICO Design mit dem Titel Top Down Knitting Spezial. Band eins verschenkte ich, Band zwei behielt ich. Besonders angetan hatte es mir ein Pullunder-Modell: oversize und schlicht. Leider war im idee-Markt nicht das Originalgarn Essentials fine fine merino (26 M | 34 R) erhältlich, sondern nur das dickere Essentials merino (22 M | 28 R). Die Verkäuferin versicherte mir, das Projekt ließe sich auch mit dem vorhandenen Garn problemlos umsetzen, zudem sei es ausgesprochen pillingresistent, wie sie mir mit einer Strickprobe zeigte. Beides sollte sich als Irrtum erweisen.

    Die vier zusätzlich gekauften Knäuel reichten nicht aus; tatsächlich hätte ich mindestens noch einmal dieselbe Menge benötigt. Bei einem anderen Muster wäre das vielleicht weniger problematisch gewesen, doch Patentmuster sind bekanntlich wollhungrig. Hinzu kam, dass sich das Garn erstaunlich elastisch zeigte: bereits nach etwas zwei Dritteln Fertigstellung hatte sich das Kleidungsstück deutlich ausgehängt.

    Der klassischen sunk cost-Falle zum Trotz ribbelte ich alles wieder auf und entschied mich, einen Pullover aus dem anderen Heft zu stricken – für den ich das notwendige Garn bereits besaß. Eine Kollegin, der ich das erste Heft geschenkt hatte, hatte genau dieses Modell bereits erfolgreich umgesetzt und war insgesamt zufrieden. Allerdings berichtete sie von auffälligem Pilling nach den ersten Tragephasen.

    Auch bei diesem Projekt musste ich Knäuel nachkaufen, diesmal jedoch mit der Sicherheit, am Ende tatsächlich das gewünschte Ergebnis zu erhalten. Dann allerdings meldete sich ein anderes, bislang nur latent vorhandenes Problem: die Kurzsichtigkeit, die sich still und heimlich in Alterssichtigkeit hinübergeschlichen hatte. Bei unzureichendem Raumlicht begannen die schwarzen Maschen auf den Nadeln zu tanzen, und beim kurzen Blick in die Ferne schwebten schwarze Punkte vor meinen Augen. Unter diesen Umständen wurde das Arbeiten im Patentmuster zur Geduldsprobe, und ich war entsprechend erleichtert, als ich schließlich in gleichmäßige Glattrechts-Runden wechseln konnte.

    Den Pillingeffekt kann ich bestätigen. Bemerkenswert ist vor allem die enorme Elastizität des Garns – ich habe bislang noch kein Merinogarn verarbeitet, das sich derart verhält. Wenn man den Pullover in den Händen hält, hat man den Eindruck, als sei Viskose beigemischt.

  • Aus dem Leben

    2026

    Ein frohes neues Jahr euch allen!

    2025 hat mich 365 Tage lang ein Kalender mit demotivierenden Sprüchen begleitet. Auf dem Bild seht ihr meine persönlichen Favoriten.

    Im Büro wartet der neue Kalender für 2026 mit dem Motto „2026 wird ein Desaster“. Ich bin gespannt, was er dieses Jahr für mich bereithält.