Retro-Weibchen

Nach langer Zeit mal wieder ein feministischer Buchtipp von mir. Ich lese viel auf diesem Gebiet und kann euch berichten: es gibt leicht verdauliche und schwer verdauliche Literatur zu diesem Thema.

Folgendes Werk gehört eher zu den leicht verdaulichen, was nicht heißt, dass es keine kritischen Worte findet. Der Schreibstil ist nur etwas unterhaltsamer und weniger wissenschaftlich. Ich erhoffe mir von dieser Art von Büchern, dass sie auch Frauen in die Hände fallen, bei denen das Wort Feminismus noch immer negative Assoziationen hervorruft und die durch das Lesen eines besseren belehrt werden (können).

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Der Titel lautet „Schneewittchen-Fieber : warum der Feminismus auf die Schnauze gefallen ist und uns das Retro-Weibchen beschert hat“ und ist geschrieben von der Österreicherin Angelika Hager. Aufmerksam geworden auf das Buch bin ich über die Tageszeitung der freitag, der Frau Hager ein sehr unterhaltsames Interview zu ihrem neuen Buch gegeben hat.
Wie bereits erwähnt: es lässt sich flüssig lesen, aber es ist der Autorin anzumerken, in welchem Beruf sie tätig ist. Gleiche Erfahrungen hatte ich bereits bei Basha Mika, die ebenfalls Journalistin ist. Das Buch ist im Prinzip eine Aneinanderreihung von Anekdoten, Themen werden von der Autorin angerissen, aber leider nicht vertieft, teilweise werden aufgestellte Thesen mit statistischem Datenmaterial unterfüttert.

Im Namen des Internationalen Frauentages: Macht euch selbst ein Bild und lest es bitte!

Als kleinen Vorgeschmack gibt es folgend meine Lieblingsstellen aus dem Werk:

Eine meiner ewigen Lieblingsschauspielerinnen ist Katharine Hepburn. Sie lebte nach dem Motto: „Wenn man immer das tut, was man will, hat man es am Ende wenigstens einer Person recht gemacht: sich selbst.“ Halsstarrig widersetzte sie sich dem Konzept der konzessionsbereiten Diven, der Traumfabrik in der Rolle der Modelliermasse zu dienen. […] „Ich will kein Gesicht“, sagte sie, „das aussieht, als ob es von der Druckmaschine einer Briefmarken-Produktion gerollt wäre.“ […] Hepburn wurde von der Presse und der Industrie als „flachbrüstige Vogelscheuche“ geschimpft oder „Amazone“ genannt, was im damaligen Wertesystem alles andere als eine Respetbezeugung war. […] Am Ende ihre Lebens hatte sie am Tor ihres Anwesens das Schild „Please go away“ baumeln. Aber sie hatte es sich selbst recht gemacht. Auf ihren Grabstein ließ sie den stolzen Satz „Exit Glamour“ meißeln. (S. 24-26)

Im britischen „Guardian“ unkte anlässlich des Vatertages 2014 die Kolumnistin Jessica Valenti völlig zu Recht: „Hört doch endlich auf, Vollzeitvätern dafür zu gratulieren, dass sie ihren Job wahrnehmen.“ Ich kenn genau zwei Männer in meinem durchaus links-liberal-feministisch geschulten Bekannten- und Freundeskreis, die nach der Trennung von den Müttern ihrer Kinder „fulltime“ versorgt haben. Laut Valenti befindet sich das Verhältnis von Vollzeit-Müttern zu ebensolchen Vätern in Großbritannien bei einem Schlüssel von 5:1. Die Motivation eines Mannes, die Versorgung der Kinder zu übernehmen, ist laut einer Statistik der Pew Foundation zu fast einem Viertel durch Arbeitslosigkeit und Zeit für Jobsuche begründet. 35 Prozent der Fulltime-Daddys sind invalid, krank oder sonst irgendwie behindert. Nur 21 Prozent der befragten Ganztags-Väter zermatschen freiwillig und ohne anderweitige Begründung mittags das Bananen-Breichen. (S. 45-46)

„Der Ball des Feminismus rollte lange mit voller Geschwindigkeit“, mailte mir die Konzept- und Fotokünstlerin Suzanne Heintz, „aber jetzt scheint die Pausetaste gedrückt zu sein. Ich begreife nicht, dass Frauen nach all ihren Kämpfen wirklich aufgegeben haben, vehement die gleichen Rechte einzufordern. Ich verstehe auch die Angst nicht, dass einen die Forderung nach gleichen Rechten unweiblich machen könnte oder zu einer militanten Extremisten-Langeweilerin, mit der niemand auf Partys sprechen möchte.“ […] Die jungen Retro-Frauen scheinen über diese Kluft zwischen den Welten nicht mehr länger grübeln zu wollen. Sie tragen lustige Jugend-bastelt-Designerklamotten und schlürfen Smoothies, die von Obstbäumen stammen, deren Vornamen sie kannten. Es ist für sie wieder durchaus gesellschaftsfähig, sich für mehrere Jahre aus dem Erwerbsleben zu klinken, nachdem sie sich fortgepflanzt haben. Mann und Familien stehen auf der Erledigungsliste, mit dem Arbeitstitel „Glück/Selbstverwirklichung etc.“, ganz oben. Kommt es dann doch irgendwann zu beruflichen Wiedereinstiegsszenarien, dann haben die oft mehr den Geruch von Beschäftigungstherapie. Da werden Kinderbücher illustriert oder Pasteten-Werkstätten eröffnet. […] (S. 47-48)

[…] als 2011 die Ergebnisse des „Familienmonitor“ publik wurden. 800 Jugendliche zwischen 14 und 24 Jahren waren im Rahmen einer Studie des Familien- und Jugendministeriums zu ihrer Einstellung zu den Themen Familie, Kinder und Beruf befragt worden. Das wohl spektakulärste Ereignis der Studie, das ihren Leiter Peter Filzmaier selbst überraschte, lautete: Mehr als die Hälfte der befragten Mädchen und Frauen zwischen 14 und 24 Jahren konnten sich vorstellen, der Familie zuliebe auf eine Karriere zu verzichten. 55 Prozent bejahten die Aussage: „Wenn mein Partner so viel verdienst, dass unser Lebensunterhalt gesichtert ist, möchte ich Hausfrau sein.“ […] (S. 66-67)

Die Studienabsolventin, die sich dem Arbeitsmarkt zugunsten ihrer Mutterschaft und aufgrund der schlechteren Betreuungsangebote freiwillig entzieht, ist eine statistisch belegbare Tatsache. Obwohl jährlich deutlich mehr Frauen als Männer in Österreich maturieren, sprich das Abitur machen, und auch an den Universitäten ihre Studien schneller und mit besseren Noten abschließen, hat das auf dem Arbeitsmarkt alles andere als positive Konsequenzen. „Frauen geben vermehrt an, dass sie ihr Studium einfach ausprobieren wollten“, so der Soziologe Martin Unger, der als Experte für die Chancengleichheit im Bildungswesen gilt, „wobei Männer schon neben dem Studium zusätzlich intensiver arbeiten und auch mit mehr Ansehen und einem höheren Einkommen rechnen.“ Was die Evolutionsbiologie sich vor geschätzten Zehntausenden Jahren ausgedacht hat, ist offensichtlich noch immer fest im Verhaltenskodex zementiert. Die Geburt der Hausfrau setzt die US-Anthropologin Helen Fisher mit dem „Beginn von Ackerbau und Sesshaftigkeit“ an: „Zu diesem Zeitpunkt entstand auch die Gesellschaftsstruktur des Patriarchats; im Nomadendasein war die Menschheit nämlich noch gleichberechtigt organisiert.“ (S. 75-76)

„Sehen wir es so“, erklärt die einstige Hardcore-Feministin Erica Jong, als ich sie nach einem Wegweiser im aktuellen Gender-Diskurs befrage, „der Mann ist heute verletzt und frustriert. Wie wir Frauen auch. Man kann ihm nur folgenden wohlwollenden Rat geben: Wer jetzt noch an den alten Männlichkeitsidealen festhält, wird sich zu Recht impotent fühlen.“ (S. 131)

[…] Ich finde Frauen, die freiwillig aus dem Erwerbskreislauf aussteigen, egal ob aus Überzeugung oder Bequemlichkeit, und sich in finanzielle Abhängigkeit begeben, langweilig. Und traurig. Raus aus dem gläsernen Sarg. Auch wenn es dort schön warm und gemütlich ist. Und runter mit dem Schneewittchenfieber. […] (S. 204)

 

 

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